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03.05.2021

Warenversicherung

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Betriebsmittel nur noch gegen Vorkasse?

Die Bundesregierung will den Schutzschirm für Warenkreditversicherer Ende Juni schließen. Händler fürchten, bei Zahlungsausfällen auf Kosten sitzenzubleiben. Victoria von Coburg zeigt, was das für Landwirte bedeutet.

Die Coronapandemie hat aktuell alles im Griff. Deren Auswirkungen treffen auch die Landwirtschaft, sowohl sichtbar in Form von Absatzkrisen, wie beispielsweise bei Kartoffeln, Braugerste, Fleisch und Milch, als auch unsichtbar in Form drohender Veränderungen der Rahmenbedingungen im Handel. Denn: Bis zum 30. Juni 2021 spannt die Bundesregierung im Rahmen der Coronahilfen einen Schutzschirm für Garantien in Höhe von bis zu 30 Mrd. € für etwaige Entschädigungszahlungen – auch für Warenkreditversicherungen. Händler nutzen dieses Instrument, um sich vor Zahlungsausfällen ihrer Kunden zu schützen. Welche Folgen hat die Aufkündigung des Schutzschirms für den Handel und möglicherweise für das eigene landwirtschaftliche Unternehmen?

Wie funktioniert der Handel? Im Agrarhandel und bei Dienstleistern, national wie international, ist es absolut üblich, sich gegen Risiken in Form von Forderungsausfällen abzusichern. Als Partner für diese speziellen Bedürfnisse stehen einige international agierende Versicherungsunternehmen zur Verfügung, die diese Risiken durch Warenkreditversicherungen absichern. Zu den bekanntesten Anbietern gehören neben Euler Hermes (Allianz) auch Atradius (Gerling), Coface, Credendo, R+V und Zurich.

Der Schutzschirm soll in diesem Konzert verhindern, dass die Versicherer Unternehmen mit schwacher Bonität den Versicherungsschutz entziehen bzw. selbst durch drohende Zahlungsausfälle in Schwierigkeiten geraten.

Der Begriff Warenkreditversicherung leitet sich aus dem Umstand ab, dass der Lieferant seinen Kunden bis zur Bezahlung der Ware oder Dienstleistung, in Abhängigkeit von den Zahlungskonditionen, einen zeitlich befristeten Kredit gewährt. In unserer Branche ist die Betriebsmittel­finanzierung des Agrarhandels an Landwirte ein geläufiges Beispiel. Das jährliche Volumen der Lieferantenkredite beläuft sich nach Aussagen der Euler Hermes Deutschland AG auf ca. 340 Mrd. €. Die Landwirtschaft macht davon aber nur einen kleinen Teil aus.

Risikobewertung durch den Versicherer. Beim Abschluss von Warenkreditversicherungen übernimmt der Versicherer von seinem Versicherungsnehmer (z. B. Agrarhandel) die Aufgabe, die Analyse der Geschäftspartner und die nachgelagerte Bonitätseinstufung seiner Kunden vorzunehmen. Die Risikoeinstufung erfolgt anhand verschiedener Faktoren, wie z. B. Branche, vorliegende Bilanzen, Daten von Wirtschaftsauskunfteien (z. B. Creditreform), Veröffentlichungen im Bundesanzeiger usw. Neben der eigentlichen Versicherungsleistung übernimmt der Versicherer somit auch eine Reihe von Finanzdienstleistungen im Rahmen der Risikoprüfung.

Professionalisieren Sie Ihr Liquiditätsmanagement, um Überraschungen zu vermeiden, rät Dr. Victoria von Coburg

Anhand der Bonitätsprüfung gestaltet der Versicherer die Konditionen. Dazu gehört insbesondere das sogenannte ­Limit. Das ist die Versicherungssumme, bis zu der Ausfälle beim Versicherungsnehmer abgesichert sind. Je nach Vertrag tritt der Versicherungsfall bereits ein, wenn ein Kunde sich im Zahlungsverzug befindet oder auch erst bei Insolvenz des Kunden.

Meist ist die Übertragung der Forderungen auf den Versicherer im Schadenfall fester Bestandteil der Vertragsbedingungen. Der Versicherer übernimmt dann seinerseits das Forderungsinkasso. Die versicherbare Entschädigungshöhe liegt in der Regel zwischen 70 und 90 % der Nettoforderung.

Schutz vor Zahlungsausfällen. Der Vorteil für den Versicherungsnehmer besteht in Entschädigungszahlungen bei Forderungsausfall oder verspäteter Zahlung. Damit kann das Risiko für das eigene Unternehmen in Grenzen und kalkulierbar gehalten werden. Auch das Auslagern der Analyse und Bonitätsprüfung der Geschäftspartner erleichtert die Arbeit, da keine Fachkräfte für diese Tätigkeiten vorgehalten werden müssen. Besonders vorteilhaft ist, dass diese Tätigkeiten an absolute Spezialisten ausgelagert werden können. Warenkreditversicherungen sind damit ein wichtiges Instrument des Risiko- und Liquiditätsmanagements auf Ebene der Händler.

Die Dienstleistungen einiger Versicherer gehen zum Teil bis hin zu einem Full-Service-Angebot. Hierbei kann ein Versicherungsnehmer sein gesamtes Forderungsmanagement bis hin zum Inkasso offener Forderungen auslagern. Darüber hinaus sind auch weitere Ergänzungen zu finden, wie z. B.

  • Forfaiting/Factoring. Heißt, Weiterverkauf der (versicherten) Forderungen. Der Verkäufer profitiert vom früheren Liquiditätszufluss bei Verzicht auf Teile der Rechnungsbeträge. Der Käufer profitiert von der Differenz zwischen Einkauf der Forderung und dem Rechnungsbetrag.

  • Deckungsaufstockungen. Forderungen, die normalerweise nicht mehr abzusichern wären, können durch zusätzliche Bausteine und damit verbunden auch zusätzliche Prämien doch noch abgesichert werden oder das versicherte Limit kann erhöht werden.

  • Einzelfallabsicherungen. Individualvereinbarungen zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer spezielle Kunden betreffend.

    Weiteres typisches Kennzeichen von Warenkreditversicherungen ist, dass das Bonitätsmonitoring durch die Versicherer ab Versicherungsbeginn fortlaufend weiter durchgeführt wird. Ergänzend wird der Versicherungsnehmer dazu verpflichtet, regelmäßig Daten zur Bonität seiner Kunden sowie deren Zahlungsverhalten zu liefern, um die Risikobewertung zu ermöglichen. Ergeben sich Veränderungen, sind die Versicherer immer berechtigt, das vereinbarte Limit zu senken oder sogar gänzlich zu streichen.

    Landwirte haben eine eher schwache Risikobewertung. Schon in »normalen« Zeiten stellt die Agrarwirtschaft einen problematischen Bereich dar, da die Risiken dieser Märkte für Versicherer nur schwer einzuschätzen sind. Allein die Produktionsrisiken erhöhen sich z. B. durch die Auswirkungen des Klimawandels von Jahr zu Jahr. Hinzu kommt, dass die Bonität der Landwirte für die Versicherer schwer zu prüfen ist. Ursachen dafür sind:

  • schlechte Datengrundlage zu Jahresabschlüssen und Vermögenssituation,

  • komplexe Unternehmensstrukturen durch verschiedene Gesellschaftsformen bei einem Unternehmer,

  • spätes Vorliegen von wirtschaftlichen ­Ergebnissen durch abweichende Wirtschaftsjahre,

  • fehlendes Problembewusstsein.

Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Massive Auswirkungen für die Landwirtschaft. Durch den Wegfall des Schutzschirms ist zu erwarten, dass die Versicherer ihr Engagement in diesem Sektor verringern werden. Mindestens ist mit einer Kürzung der Limits und/oder deutlich höheren Versicherungsprämien zu rechnen. Beides sind Kennzeichen mangelnder Möglichkeiten einer fundierten Unternehmenseinschätzung und der sich verschlechternden Rahmenbedingungen.

In der Folge bleiben dem Handel nur folgende Reaktionen, um seinerseits auf die veränderten Bedingungen zu reagieren:

  • Eigene Übernahme der Risiken.

  • Eigene Analyse und Bonitätseinschätzung der Kunden. Dieses kostet Zeit und Ressourcen in Form von Personal.

  • Die Anforderung von Bonitätsunterlagen, wie z. B. laufende Vorlage von Jahresabschlüssen und BWAs, sowie Unterlagen zur Vermögenslage.

  • Differenziertes Vorgehen bei den Kunden in Abhängigkeit ihrer Bonität. Bedeutet für gute Kunden: keine Veränderung. Mittlere Kunden müssen gegebenenfalls mit einer Erweiterung der Sicherheitengestellung rechnen. Die kommende Ernte wird vo­raussichtlich nicht mehr ausreichen. Schlechte Kunden bekommen möglicherweise keine Erntevorfinanzierung mehr. Lieferung erfolgt nur noch gegen Vorkasse.

  • Die Konditionen werden sich im Allgemeinen verschlechtern.

Was jetzt zählt. Aller Voraussicht nach werden die Landwirte von den veränderten Rahmenbedingungen ziemlich unvorbereitet getroffen. Deshalb ist es jetzt sinnvoll und wichtig, sich mit den Möglichkeiten zur Optimierung des Liquiditätsmanagements auseinanderzusetzen. Primär ist zu hinterfragen, wie die Vorfinanzierung der Ernte, bei der man im Schnitt mit ca. 600 €/ha rechnen muss, sichergestellt werden kann. Es gilt das bestehende System zu überprüfen, zu hinterfragen und möglicherweise Alternativen zu suchen. Dies sollte rechtzeitig erfolgen, um böse Überraschungen zu vermeiden. Es ist allen Betriebsleitern zu raten, ihr Liquiditätsmanagement, die Kommunikation mit Finanzierungsgebern und vor allem das Berichtswesen zu professionalisieren.

Die möglichen Folgen am Beispiel aufgezeigt

Liquidität. Um die möglichen Auswirkungen zu verdeutlichen, die durch den Wegfall des Rettungsschirmes entstehen könnten, werden die Effekte anhand eines 300 ha Marktfruchtbetriebes dargestellt. Es wird mit durchschnittlichen Kosten zur Finanzierung der Maßnahmen im Frühjahr in Höhe von 400 €/ha kalkuliert. Weiterhin wird unterstellt, dass die Vorfinanzierung durch den Landhandel erfolgt und die Ernte vorab verkauft wird. Während der Frühjahrsbestellung erfolgt kurzfristig eine Kürzung des Limits durch den Kreditversicherer auf 75 % der ursprünglich abgesicherten Summe.Heißt unterm Strich: Von den Vorfinanzierungskosten in Höhe von 120 000 € sind nur noch 90 000 € gedeckt. Die Information erhält der Landwirt, als er Dünger beim Landhandel abholen möchte. Er muss zunächst unverrichteter Dinge zurückfahren.

Kurzfristig sind nun die fehlenden 30 000 € zu finanzieren. Dafür gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Finanzierung über den Handel nach Stellung weiterer Sicherheiten. Zinssatz: 7 bis 10 %;

  • Finanzierung über Kontokorrent: Zinssatz zwischen 12 und 14 %;

  • Finanzierung durch andere Dritte oder gar nicht mehr möglich.

Je nach Liquiditätslage im Betrieb können sehr kurzfristig erhebliche Finanzierungsengpässe entstehen. Es ist dringend zu empfehlen, sich kurzfristig damit auseinanderzusetzen, um frühzeitig Lösungen zu erarbeiten und handlungsfähig zu bleiben. Bei einer Kürzung der Limits braucht es kurzfristig Finanzierungsalternativen.

Dr. agr. habil. Victoria von Coburg, enagrat, Magdeburg

Dieser Beitrag ist erschienen in DLG-Mitteilungen Heft 5/2021 und ist auch zu finden unter dlg-mitteilungen.de Entdecken Sie Innovationen, Trends, Geschäftsideen und vieles mehr. Unser Blog steht für Meinung und Diskussion, für Wissenswertes und Interessantes. Wir liefern Fakten und Argumente. Viel Spaß beim Stöbern!