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14.09.2021

Demonstrationsbetrieb LindenGut: Hühner mit eigener Security

Demonstrationsbetrieb LindenGut: Hühner mit eigener Security

Die Redaktion

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Henne und Hahn der Rasse "Cream and Coffee"Foto: Ökologische Tierzucht gGmbH, www.das-oekohuhn.de

Der Demeter-Betrieb LindenGut am Rande der Rhön setzt auf Vielfalt. Zu einem wichtigen Standbein hat sich die Geflügelhaltung entwickelt, bei der Betriebsleiterin Anja Lindner mit ungewöhnlichen Konzepten arbeitet.

Wenn die knapp 700 Legehennen auf dem Hof LindenGut ihr Hühnermobil verlassen, sind sie nicht unter sich. Denn auf den eingezäunten Flächen rund um den Hof warten schon Westafrikanische Zwergziegen auf die Hennen, mit denen sie sich bestens verstehen. Und zwar so gut, dass die Ziegen sie sogar vor Räubern wie Fuchs oder Habicht beschützen.

"Die Ziegen haben wir ganz bewusst als eine Art Security für unsere Hühner angeschafft", erzählt Betriebsleiterin Anja Lindner. Ein ungewöhnlicher Schritt, der sich aber bewährt hat. Während es im ersten Jahr ohne Ziegen noch Verluste von bis zu 50 Prozent gab, kommen die Räuber inzwischen gar nicht mehr zum Zug. Schutznetze werden keine benötigt.

Dabei hatte Anja Lindner nur etwas Know-how aus der Hobbyhaltung, als sie 2014 auf dem Demeter-Betrieb LindenGut in Dipperz bei Fulda im größeren Maßstab in die Geflügelhaltung einstieg. Heute gibt es auf dem Betrieb drei Hühnermobile mit je 225 Legehennen und 500 Bruderhähnen (siehe Infokasten).

Gemüsegarten des Lindenguts. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.

Dabei ist der Betrieb sehr breit aufgestellt, mit dem Schwerpunkt auf Bio-Fleischerzeugung. Neben Geflügel gibt es 70 Fleischrinder in Mutterkuhhaltung, 60 Mastschweine, Enten und Gänse. Die 75 Hektar Acker- und Grünland werden für den Anbau von Futtermitteln, Gemüse und Obst genutzt. Außerdem gehören ein Bio-Hotel und ein Bio-Catering zum Betrieb sowie weitere Initiativen zur Forschung und Bildung.

Gute Erfahrungen mit Zweinutzungshühnern

Dass Anja Lindner beim Einstieg in die Geflügelhaltung die Bruderhahn-Aufzucht gleich mitgedacht hat, war für sie selbstverständlich. Denn die einseitige Hybridzucht auf ein Leistungsmerkmal kam für sie nicht in Frage. "Das hat aus meiner Sicht keine Zukunft. Und das Schreddern männlicher Küken ist ohnehin indiskutabel", meint Lindner. Deshalb setzte sie auf Tiere der klassischen Zweinutzungsrasse "Cream und Coffee" aus der Ökologischen Tierzucht gGmbH.

Anfangs versuchte sie es auch mit anderen Rassen, zum Beispiel mit „Les Bleues“, die sich aber nicht bewährte. Anja Lindner: "Die waren im Hühnermobil extrem unruhig und aggressiv. Schon die Aufzucht war nicht so einfach und die spätere Legeleistung passte auch nicht." Mit den Cream und Coffee-Hennen ist sie dagegen sehr zufrieden.

Die Tiere sind ruhig und neugierig und auch die Legeleistung stimmt. Im Schnitt kommen die Hennen auf 220 bis 230 Eier im Jahr. In der Regel werden die Hühner auf dem LindenGut etwa 18 Monate alt. Erst wenn die Legeleistung auf unter 50 Prozent sinkt, geht es in die Schlachtung.

Als in der ersten Corona-Phase ein wichtiger Absatzweg für Geflügelfleisch wegbrach, wagte die Bio-Landwirtin das Experiment, einen Teil der Hennen die Mauser durchlaufen zu lassen. "Danach pendelte sich die Legeleistung immerhin schnell wieder bei 60 bis 70 Prozent ein, aber mit größeren Schwankungen." Außerdem beobachtete sie, dass die Eier größer waren und die Schale dünner wurde.

Auslauf und Gesundheit der Hühner immer im Blick

Die Hennen werden ganzjährig in den Hühnermobilen gehalten, auch bei extremen Minusgraden wie in diesem Winter. Für den wöchentlichen Wechsel der Mobile hat sich eine Art Weidemanagement bewährt, bei der die Hennen immer auf den zuvor von den Mutterkühen beweideten Grünland Auslauf erhalten. Denn nach Lindners Erfahrungen schätzen es die Hühner sehr, im Rinderdung scharren zu können.

Probleme mit Krankheiten und Parasiten gab es bislang selten. Einzig die Geflügelmilbe bereitet in feuchtwarmen Wochen Probleme. "Die ist ja latent immer da. Wir halten sie aber ganz gut in Schach", sagt Lindner. Dafür werden die Mobile zum Beispiel regelmäßig mit sogenannten Effektiven Mikroorganismen und Mitteln auf Basis ätherischer Öle eingenebelt. Auch die Ausbringung von Kalk und Kieselgur ist Teil der vorbeugenden Maßnahmen gegen Milben.

Der Futterbedarf der Cream und Coffee-Hennen liegt bei etwa 140 bis 150 Gramm pro Tier und Tag. Die Mischung setzt sich zusammen aus 60 Prozent betriebseigenem Weizen und 40 Prozent Demeter Ergänzungsfutter. Als Nahrungsergänzung und zur Förderung der Vitalität werden außerdem noch ein weiteres Ergänzungsfuttermittel auf Kräuterbasis und ein Präparat mit Effektiven Mikroorganismen beigemischt.

Zur Gesundheitskontrolle nimmt sich Lindner nach dem Einsammeln der Eier auch regelmäßig Zeit, die Tiere zu beobachten. Dabei achtet sie besonders auf ein auffälliges Verhalten der Hennen, auf die Kloake und auf den Kamm. "Am Kamm lässt sich sehr gut erkennen, ob sich das Huhn gut entwickelt. Mittlerweile sehe ich schon am Rotton des Kamms, ob vielleicht ein Mangel vorliegt", erklärt die Betriebsleiterin.

Die gute Gesundheit der Rasse mit sehr geringen Verlusten, einer verlässlichen Legeleistung und einem überschaubaren Futterbedarf macht die Hühnerhaltung auf dem LindenGut inklusive der Vermarktung von Bruderhähnen und Suppenhühnern immer wirtschaftlicher. Und dass, obwohl es bei den Eiern keinen Aufschlag für die Aufzucht der Bruderhähne gibt. Der Preis pro Ei liegt zwischen 50 und 55 Cent. "Für unseren Betrieb sind die Hühner so etwas wie das Brot- und Butter-Geschäft", sagt Anja Lindner.

Frau steht in einem Baucontainer und zeigt ein Hühnerei. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.

Schlachtung, Verarbeitung und Vermarktung direkt auf dem Hof

Vor zwei Jahren hat Lindner mit der Schlachtung von Hennen und Bruderhähnen in einer hofeigenen Schlachtküche begonnen. Dafür hatte sie gute Gründe. Denn beim früheren Schlachter musste sie die Hühner am Abend vor der Schlachtung einsammeln und in Käfigen gestapelt vor die Tür stellen. "Das hat die Hühner total gestresst. Und ich hatte ich das Gefühl, alles, was ich vorher gut gemacht habe, in einer Nacht wieder kaputt zu machen", sagt Lindner.

Die Tötung der Bruderhähne und Suppenhühnern erledigt ein Mitarbeiter des Betriebs, der über einen notwendigen Sachkundenachweis verfügt. Bei der anschließenden Weiterverarbeitung, also dem Rupfen und Ausweiden, ist Anja Lindner immer selbst dabei. Geschlachtet wird etwa fünf bis sechs Mal im Jahr.

Ein Teil der ausgeweideten Tiere geht direkt in den Frischverkauf oder wird umgehend verarbeitet. Der Rest wird in der Cateringküche des Betriebs in Brust, Keule und andere Teile zerlegt oder zu Spezialitäten wie Geflügelbolognese oder Hühnerkraftbrühe im Glas veredelt.

Bei der Vermarktung von Eiern und Geflügelfleisch, aber auch der anderen Erzeugnisse wie Obst, Gemüse, Rinder- und Schweinefleisch, profitiert das LindenGut von einer extrem günstigen Lage am Westrand der Rhön. Bis zur Autobahn sind es nur fünf Kilometer, die Innenstadt von Fulda keine zehn Kilometer entfernt. Damit ist der Hofladen für bioaffine Verbraucherinnen und Verbraucher gut erreichbar.

Zudem ist der Betrieb einer von knapp 290 Höfen des Netzwerks Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau. Durch die damit verbundenen regelmäßigen Veranstaltungen und Führungen auf dem Hof wird das LindenGut immer bekannter. Weiteren Zulauf bekommt das Gut durch eine nahegelegene Waldorfschule. Viele Eltern verbinden das Abholen der Kinder mit einem Einkauf.

"In Nicht-Corona-Zeiten geht etwa 50 Prozent der Ware in unser Hotel und das Bio-Catering", sagt Anja Lindner. Der andere Teil wird über den Hofladen vermarktet oder geht an verschiedene Läden in Fulda. Für die Bauernmärkte in der näheren Umgebung laufen gerade Bewerbungen, um die Direktvermarktung weiter auszubauen.

Außerdem plant Lindner, die Produktion am Hof weiterzuentwickeln. Statt eines mobilen Verkaufsstandes wie bisher wird es einen größeren Hofladen geben mit eigener Backstube und einer Nudelmanufaktur vor Ort. Auch Ferienwohnungen entstehen gerade. Bleibt die Frage, wie es der Betriebsleiterin gelingt, die Arbeit auf den vielen Baustellen des Betriebs zu bewältigen. Lindner: "Wichtig ist, die richtigen Menschen um sich herum zu haben und das, was man macht, auch mit Liebe und Leidenschaft zu tun."

Betriebsspiegel Lindengut:

  • Betrieb/Standort: LindenGut, Kohlrunder Weg 1, 36160 Dipperz, Hessen

  • Betriebsleiterin: Anja Lindner

  • Zahl der Mitarbeitenden: 8

  • Öko-Betrieb seit: 1982

  • Fläche: 75 ha, davon 35 ha Grünland

  • Höhenlage: 380m

  • Bodenpunkte: 30 bis 40

  • Niederschläge/ Klima: rauhe Winde, trocken

  • Kulturen: Getreide, Gemüse, Obst

  • Tierhaltung: 675 Legehennen, 500 Bruderhähne, 70 Rinder in Mutterkuhhaltung, 60 Schweine, 70-100 Enten und Gänse

  • Weitere Schwerpunkte: Bio-Hotel, Bio-Catering, eigene Schlachterei für Geflügel

  • Vermarktung: Direktvermarktung, Bio Backstube, Bio Nudelmanufaktur (auch Lohnverarbeitung), Bio-Hofladen, Bio-Automaten, Bio-Verkaufsfahrzeug, Produktionsküche für Speisen im Glas, Verwertung in Hotelgastronomie und Cateringa

Quelle: oekolandbau.de/BLE