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12.10.2021

Digitales Herdenmanagement in der Bio-Milchviehhaltung

Digitales Herdenmanagement in der Bio-Milchviehhaltung

Die Redaktion

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Themen

Viehhaltung Entwicklung ländlicher Raum Digitalisierung, Arbeitswirtschaft und Prozesstechnik Futter und Fütterung Technik Tierhaltung

Systeme zum digitalen Herdenmanagement entwickeln sich mehr und mehr zum Standard in der Milchviehhaltung. Auch Bio-Betriebe können davon profitieren. Denn die professionelle Nutzung der Daten erleichtert nicht nur das Datenmanagement, sondern bringt auch handfeste Vorteile beim Tierwohl, beim Arbeitsmanagement und nicht zuletzt bei der Wirtschaftlichkeit.

Kuh mit Transpondersensor.Mit einer Sensortechnik im Transponder oder in den Ohrmarken können die Aktivität, Fress- und Wiederkäuzeiten sowie Ruhephasen aufgezeichnet werden. Foto: Beckhoff/BÖLN

Systeme zum digitalen Herdenmanagement entwickeln sich mehr und mehr zum Standard in der Milchviehhaltung. Auch Bio-Betriebe können davon profitieren. Denn die professionelle Nutzung der Daten erleichtert nicht nur das Datenmanagement, sondern bringt auch handfeste Vorteile beim Tierwohl, beim Arbeitsmanagement und nicht zuletzt bei der Wirtschaftlichkeit.

Wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen eröffnet die moderne Digital- und Sensortechnik auch in der Milchviehhaltung völlig neue Möglichkeiten. Sensoren im Transponder oder in der Ohrmarke überwachen die Aktivität, die Wiederkäubewegungen oder die Häufigkeit der Kopfneigung der Kühe. Fütterungssysteme speichern die Rationszusammenstellungen und vorgelegten Mengen. Und mithilfe angepasster Schnittstellen lassen sich diese Daten mit den Informationen aus der Milchkontrolle und Klauenpflege zusammenführen und auswerten.

Kathrin Asseburg von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen sieht für den Einsatz digitaler Systeme in der Milchviehhaltung ein großes Potenzial für Betriebe, egal, ob sie konventionell oder ökologisch wirtschaften. Asseburg arbeitet im Projekt CattleHub, in dem digitale Assistenzsysteme auf Praxisbetrieben verglichen und ihr Nutzen für die Praxis bewertet wird.

Digitale Systeme sind im Öko-Landbau weniger verbreitet

Asseburg schätzt den Anteil konventioneller Milchviehbetriebe, die bereits mit digitalen Systemen arbeiten, auf 50 bis 60 Prozent. Auch für Bio-Betriebe gibt es keine offiziellen Zahlen. Fachleute gehen aber davon aus, dass digitale Herdenmanagementsysteme hier seltener zum Einsatz kommen.

Dabei liegen für Asseburg die Vorteile auf der Hand: "Wenn man das Potenzial der Automatisierung und der verfügbaren Daten gut ausnutzt, lässt sich die Arbeitszeit reduzieren, die Gesundheit und damit das Tierwohl der Kühe verbessern und nicht zuletzt die Wirtschaftlichkeit des Betriebs steigern."

Daten als Schlüssel für bessere Tiergesundheit

Der Schlüssel dazu sind die aufgezeichneten Daten und ihre Auswertung. Allein die Informationen zur Aktivität einer Kuh, ihrer Wiederkäutätigkeit und ihren Fresszeiten erlauben eine sehr verlässliche Aussage, ob es ihr gut geht oder ob sich eine Erkrankung abzeichnet. Stoffwechselerkrankungen oder auch eine Mastitis können früher erkannt und behandelt werden, was die Erkrankungsdauer und damit die Ausfallzeiten zum Teil wesentlich verkürzt. Sogar der optimale Besamungstermin kann aus den Aktivitätsdaten verlässlich abgeleitet werden.

Die Software der Digitalsysteme informiert die Betriebsleitung automatisch über Auffälligkeiten bei einzelnen Tieren, sobald ein zuvor festgelegter Grenzwert überschritten ist. "So kann sich der Betriebsleiter oder die Betriebsleiterin bei jeder Herdenkontrolle ganz gezielt die auffälligen Kühe anschauen. Und durch das integrierte Ortungssystem findet man einzelne Tiere auch viel schneller im Stall oder auf der Weide", sagt Asseburg.

Anzeige der Kuhaktivität. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.Die Kuhaktivität mit Fresszeiten und Wiederkäuverhalten lassen sich für jede Kuh per Software am Rechner abrufen. Foto: Jürgen Beckhoff/BÖLN

Wichtige Hilfe bei Entscheidungen

Zudem wird die Betriebsleitung bei der Entscheidungsfindung entlastet, da die Eindrücke aus der Tierbeobachtung mit handfesten Daten unterfüttert sind. Dabei gilt: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto verlässlicher können Aussagen für eine erforderliche Behandlung, den Brunsttermin oder zum Zuchtwert eines Tieres getroffen werden. Optimal ist es zum Beispiel, wenn die Aktivitätsdaten zusammenführt werden mit den Daten aus der Milchkontrolle, der Fütterung und der Klauenpflege.

Allerdings ist der Einstieg in die Digitalisierung auch mit einer größeren Investition verbunden. Je nach Herdengröße muss man für die Ausrüstung mit einem Sensor für Aktivität, Wiederkäubewegung und Kopfneigung einschließlich der Software mit Kosten von 30 bis 140 Euro pro Kuh rechnen, je nach Ausstattung der Systeme. Die Nutzungsdauer der Technik liegt durchschnittlich bei vier bis sechs Jahren.

Wann lohnt sich der Einstieg?

Ob sich der Einstieg lohnt, hängt laut Kathrin Asseburg weniger von der Betriebsgröße ab, sondern eher von der betrieblichen Situation und den jeweiligen Voraussetzungen wie etwa der Arbeitskraftauslastung. Wird gerade ein Stall mit neuer Melktechnik gebaut oder erlaubt es die finanzielle Situation, hält sie den Einstieg ins digitale Herdenmanagement auf jeden Fall für empfehlenswert. "Irgendwann wird diese Technik aufgrund der vielen Vorzüge ohnehin Standard sein", ist die Expertin überzeugt.

Für den Einstieg rät sie, die Herde mit einem Transpondersystem auszurüsten, das über Bewegungs- und Ruhezeiten, die Kopfneigung und das Wiederkäuverhalten informiert und eine Identifizierung des Tieres erlaubt. Später könnten nach und nach weitere Systeme ergänzt werden. Wichtig ist nach ihrer Erfahrung, dass alle genutzten Systeme über kompatible Schnittstellen verfügen, damit alle Daten miteinander verknüpft und zusammengeführt werden können.

Wichtige von unwichtigen Daten unterscheiden

Beim Einstieg ins digitale Herdenmanagement ist zu beachten, dass man einige Zeit braucht, um Technik und Software sicher anwenden zu können. Das gilt besonders für die Interpretation der Daten. "Hier ist es elementar, wichtige von unwichtigen Daten zu unterscheiden zu lernen. Sonst verliert man leicht den Überblick", erklärt Asseburg. Zum Start ist deshalb der Besuch von Einstiegskursen und/oder die Unterstützung externer Beratung zu empfehlen. "Auf jeden Fall verbringt man mehr Zeit vor dem Computer", sagt Asseburg.

Vor allem aber verändern digitale Systeme nach ihrer Einschätzung die Arbeitsabläufe. "Letztlich arbeitet man viel standardisierter und behält anstehende Aufgaben rund um die Herde besser im Blick", meint die Expertin. So lassen sich etwa die aufgezeichneten Daten zur Herde nach beliebigen Kriterien filtern, etwa nach Terminen fürs Trockenstellen oder einer notwendigen Klauenpflege. "Solche Listen kann die Betriebsleitung an festen Tagen in der Woche erstellen und abarbeiten. Da gibt es dann keine Zettelwirtschaft mehr und es geht nichts verloren."

Gleichzeitig muss man sich als Betriebsleiterin oder -leiter daran gewöhnen, stärker präventiv zu arbeiten. Das heißt zum Beispiel eine Kuh aufgrund abweichender Daten im Programm frühzeitig von der Herde zu trennen und intensiv zu versorgen, obwohl sie äußerlich noch keine Symptome zeigt. "Man agiert viel mehr als man reagiert und man muss sich auf die Technik verlassen. Das fällt vielen Betrieben am Anfang oft nicht so leicht", meint Asseburg.

Lückenlose Dokumentation

Ein weiterer Pluspunkt der digitalen Aufzeichnung ist die wesentlich vereinfachte Dokumentation. Zu jedem Tier werden alle zentralen Daten gespeichert und sind jederzeit per PC oder Handy-App abrufbar, von der Leistung und Zellzahl über Besamungs- und Trockenstellterminen bis zu Auffälligkeiten bei der Klauenbehandlung. Bei Kontrollen können diese Daten genutzt werden.

Doch führen mehr Daten und neue Arbeitsabläufe auch automatisch zu besseren Ergebnissen? Und lassen sich damit die Kosten für die Investition abdecken? Fachleute gehen davon aus, dass sich der Einsatz digitaler Systeme auch sehr schnell wirtschaftlich bezahlt macht, wenn sie richtig genutzt werden.

Bessere Tiergesundheit und höhere Milchleistung

Allein durch eine bessere Tiergesundheit, höhere Milchleistungen und Einsparungen bei der Arbeitszeit sind die Kosten in der Regel schnell eingespielt. Bio-Praxisbetriebe berichten zum Beispiel von Leistungssteigerungen zwischen 10 und 20 Prozent, deutlich geringere Tierarztkosten und einen um bis zu acht Prozent höheren Besamungsindex.

Einen zusätzlichen Optimierungsschub für Betriebe bietet die Nutzung digitaler Systeme in der Kälber- und Rinderaufzucht. Durch Transpondersysteme mit Sensoren und Tränkeautomaten mit Trittwaagen und definierter Portionszuteilung können auch hier kranke oder auffällige Tiere mithilfe der aufgezeichneten Daten deutlich schneller erkannt und behandelt werden.

Kälbertränkeautomat mit Trittwaage. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.Auch für die Kälberaufzucht rechnet sich eine digitale Kontrolle, etwa in Form von Tränkeautomaten, die das Gewicht und die abgerufenen Portionen dokumentieren. Foto: Jürgen Beckhoff/BÖLN

Kosteneinsparung in der Kälberaufzucht

Neben mehr Tierwohl ermöglicht die digitale Überwachung höhere Tageszunahmen und damit kürzeren Aufzuchtzeiten. Das verbessert gerade auf Bio-Betrieben die Wirtschaftlichkeit, da die Kälberaufzucht wegen der hohen Futtermittelkosten, etwa durch das Verfüttern von Vollmilch, sehr teuer ist.

Aufgrund der vielen Vorteile des Systems, insbesondere in Bezug auf das Tierwohl, ist Expertin Kathrin Asseburg überzeugt, dass sich digitale Assistenzsysteme weiter durchsetzen werden und noch viele zusätzliche Anwendungen zu erwarten sind. Dabei ist ihr aber ein Punkt besonders wichtig: "Auch die besten Systeme sollte man immer nur als Unterstützung für alle Entscheidungen sehen. Der Gang durch den Stall, den Blick für die Herde und den Mensch-Tier-Kontakt werden sie niemals ersetzen können."

Quelle: oekolandbau.de/BLE