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17.10.2020

Interview mit Dr. Isabella Lorenzini von der Bayerischen Anstalt für Landwirtschaft (Lfl) zum Thema DigiMilch und Digitalisierung

Interview mit Dr. Isabella Lorenzini von der Bayerischen Anstalt für Landwirtschaft (Lfl) zum Thema DigiMilch und Digitalisierung

David Zistl

Meinungsfeld

Topics

Politik Gesellschaft Europa Viehhaltung Milch Rinder

Frau Dr. Lorenzini ist seit 2016 bei der Lfl tätig und beschäftigte sich primär im Bereich der tierindividuellen Sensorsysteme, mit automatischer Lahmheitserkennung und Klauengesundheit. Seit November 2019 ist sie zudem Projektmanagerin des 17-köpfigen Teams von DigiMilch.

Worum geht es bei DigiMilch denn genau?

DigiMilch ist eins von 14, durch das BMEL geförderten, digitalen Experimentierfeldern. Es geht um die Erprobung und die Demonstration von digitalen Technologien in der Milchviehwirtschaft. Dabei wird der komplette Arbeitsbereich eines Milchviehbetriebs anhand von fünf Demonstrationsprojekten (DP1 bis DP5) abgebildet. Diese sind: Wirtschaftsdüngemanagement, sensorgestützte Ertragsermittlung, Fütterungsmanagement, vernetzte Stalltechnik und vernetzte, tierindividuelle Sensorsysteme. Das Ziel ist es, digitale Techniken auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen und Einsatzerfahrungen zu erfassen. Dabei arbeiten wir eng mit momentan 17 Praxisbetrieben aus ganz Bayern, sowie mit Versuchsbetrieben der bayerischen Staatsgüter, den Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf und über 30 Wirtschaftspartnern aus verschiedenen Bereichen der Agrarbranche, zusammen.

Auf welchem der fünf Demonstrationsprojekten liegt aktuell der Fokus?

Wir haben mit allen Demonstrationsprojekten zeitgleich angefangen, jedoch sind wir mit einigen bereits in der Phase der Datenerfassung und mit anderen noch in der Versuchsvorbereitung. Beispielsweise haben wir in den Demonstrationsprojekten, der Wirtschaftsdüngerausbringung und der sensorgestützten Ertragsermittlung, bereits viele Daten, auf zahlreichen Praxisbetrieben erhoben. Im letztgenannten DP wurde zum Beispiel die Ertragserfassung von selbstfahrenden Feldhäckslern überprüft, wodurch insgesamt 386 Proben zur Bestimmung des Trockenmassegehalts bei der Ernte von Grünland und Feldfutter gezogen werden konnten. Auch im ersten Demonstrationsprojekt, dem Wirtschaftsdüngermanagement, wurden bereits mehr als 150 Gülleproben gezogen, um die Abweichung von NIRS Sensoren in 2 mobilen Messstationen und 3 Güllefässern gegenüber einer Laborbestimmung zu überprüfen. Mit dieser Strategie lässt sich auch die Variabilität der Güllen in Bezug auf Trockenmasse und Inhaltsstoffe innerhalb eines Güllebehälters abbilden. In der Innenwirtschaft sind wir gerade damit beschäftigt, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die auf den Betrieben in großer Menge anfallenden Daten möglichst automatisiert in unsere DigiMilch Datenbank fließen.

Was war der ausschlaggebende Punkt der Lfl, sich für das Projekt DigiMilch zu bewerben?

Die Idee für das Projekt entstand aus dem Wunsch heraus, die fachlichen Kompetenzen der verschiedenen Arbeitsgruppen in unserem Institut, ergänzt durch das Institut für Tierernährung, hinsichtlich der Milchviehhaltung in einem Forschungsprojekt zu bündeln. Mit der Ausschreibung der Experimentierfelder des BMEL haben wir die Chance gesehen, dies mit dem Megatrend Digitalisierung, der schon seit Jahren unsere Arbeit bestimmt, zu realisieren.

Wie stark ist der Austausch zur Digitalisierung zwischen den Bundesländern?

Dank des Kompetenznetzwerks Digitalisierung in der Landwirtschaft, gibt es durchaus einen Austausch. Zum einen findet er unter den einzelnen Experimentierfeldern statt, zum anderen auch zwischen den Bundesländern, da die Experimentierfelder ja über die Bundesländer verteilt sind. Ebenso finden Kooperationen der einzelnen Experimentierfelder statt, was aber aufgrund der Corona-Situation etwas erschwert ist.

Und international?

International wird natürlich viel diskutiert, jedoch bestehen teilweise so unterschiedliche Ausgangssituationen, mit ganz anderen Schwerpunkten in der Milchviehwirtschaft. Das macht den Austausch natürlich etwas schwieriger... Wir haben gute Kontakte nach Österreich, wo mit D4Dairy und Innovation Farm ähnliche Projekt angelaufen sind. Aber auch in die Schweiz und in die Niederlande sind wir gut vernetzt.

Wie schnell können die Ergebnisse der Experimentierfelder wirklich in die Praxis umgesetzt werden?

Der Wissenstransfer spielt bei uns eine ganz zentrale Rolle. Wir wollen unsere Erkenntnisse so schnell und so verständlich wie möglich in die Praxis bringen. Dadurch, dass wir in den Praxisbetrieben beim Einsatz der Techniken unterstützen, möchten wir auch Akzeptanzhemmnisse für digitale Technologien verringern. Das heißt, wenn wir zeigen können, dass die Technik im Stall und auf dem Feld wesentliche Vorteile im Arbeitsablauf, beim Tier- und Umweltschutz bringen, werden die Landwirte es an ihre Kollegen weiterempfehlen. Dieser Austausch mit den Landwirten findet im Rahmen von Workshops, Exkursionen, (online) Seminaren, Tage der offenen Tür und einer starken Social Media Präsenz statt. Dementsprechend werden die Erkenntnisse, die wir erlangen, bereits während des Projekts direkt an die Landwirte weitergegeben. Dieser direkte Austausch ist uns auch ganz wichtig, um zu sehen, wie die Technik genutzt wird, welche Lücken und Defizite entstehen und welchen Raum für Verbesserung es gibt.

In welchem Bereich der Landwirtschaft kann, Ihrer Meinung nach, die Digitalisierung den größten Mehrwert schaffen?

Zum einen soll die Digitalisierung den Landwirten durch eine flexiblere und zeitlich stärker-entkoppelte Arbeit mehr Lebensqualität bringen. Außerdem kann durch die Vernetzung einzelner Maschinen, oder durch die Automatisierung von Prozessen, die Arbeit deutlich effizienter gestaltet werden. Zum anderen kann Digitalisierung auch den Tieren zu Gute kommen, nämlich durch das Gesundheits-Monitoring. Durch tierindividuelle Sensorsysteme haben Landwirte die Möglichkeit die Leistung und das Verhalten ihrer Tiere immer in Echtzeit im Griff zu behalten. Sie können dadurch schneller eingreifen, wenn es Probleme gibt. Dementsprechend bringt die Digitalisierung sowohl für die Tiere, als auch für den Menschen Vorteile.

Wie sieht Ihrer Meinung nach, der Alltag von Landwirtinnen und Landwirten in zehn Jahren aus?

(lacht) Ich hoffe, dass die Landwirtinnen und Landwirte in zehn Jahren ihren Beruf mit der gleichen Leidenschaft ausüben, wie sie dies jetzt tun, aber eben mit Hilfe von digitalen Technologien, die ihre Arbeit etwas erleichtern und ihnen mehr Freiräume geben. Ebenso hoffe ich, dass sie und die Tiere vor lauter Daten nicht überfordert werden, sondern davon profitieren. Außerdem hoffe ich, dass die Digitalisierung und Automatisierung auch einen positiven gesellschaftlichen Einfluss beim Verbraucher auf das Bild der modernen Landwirtschaft haben.