Back to the overview

10.03.2021

Agrarstrategien unter Bedingungen von Pandemien und Klimawandel

Agrarstrategien unter Bedingungen von Pandemien und Klimawandel

Adrian Cremers

idw - Informationsdienst Wissenschaft

Topics

Gesellschaft Europa Grundlagen Nachhaltige Landwirtschaft

Daniela Schimming Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)

Podiumsgäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten über Ernährungssicherung

Schwankende Niederschlagsmengen, Extremtemperaturen und Bodendegradierung stellen die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Der Klimawandel aber auch regionale und weltweite Krisen, wie die COVID19-Pandemie und Afrikanische Schweinepest, verunsichern die Produzenten und Konsumenten gleichermaßen. Vor diesem Hintergrund nahmen am 22. Januar 2021 fast 500 Zuschauerinnen und Zuschauer online an der Podiumsdiskussion zum Thema „Im Wandel wachsen: Neue Ansätze für robuste Ernährungssysteme gegenüber Pandemien und Klimaschocks“ teil. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) statt und wurde von der German Agribusiness Alliance (GAA) in Kooperation mit dem IAMO organisiert.

Das Fachpodium wurde von der Moderatorin Julia Harnal, Co-Vorsitzende der German Agribusiness Alliance und Vice President Sustainability & Governmental Affairs Agricultural Solutions, BASF SE, eröffnet. In ihrer Einführungsrede wies sie darauf hin, dass die COVID19-Pandemie im Jahr 2020 gezeigt habe, wie anfällig die Lebensmittelsysteme, insbesondere in den aufstrebenden Ländern, seien. Zudem nehmen die Auswirkungen des Klimawandels einen immer stärkeren Einfluss auf die Landwirtschaft. Vor diesem Hintergrund kamen internationale Vertreter der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um darüber zu diskutieren, wie der Agrarsektor zukünftig resilienter und nachhaltiger gestaltet werden kann.

In einem Impulsvortrag erörterte der Wissenschaftler Dr. Daniel Müller, stellvertretender Leiter der Abteilung Strukturwandel des IAMO, dass Krisen wie die COVID19-Pandemie und der Klimawendel große Unsicherheiten im Agrarsektor schaffen. Vor allem der Klimawandel, darunter Wetterextreme wie Starkregen und Dürren, trage dazu bei, dass „Produktionsschocks“ verstärkt werden, die wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Lebensmittelsysteme haben. Diese erheblichen Unsicherheiten nehmen Einfluss auf die Konsumenten, Renditen, Investitionen, Betriebsmittel und somit auf die Produktionsmengen der Landwirtschaft. Um auf diese Situation adäquat reagieren zu können, müssen Wissen und Technologien verbessert werden. Müller schlug vor, dass Produktionsportfolio zu diversifizieren, um nicht auf wenige Grundnahrungsmittel angewiesen zu sein. Es sollten agronomische Innovationen, darunter verbessertes Landmanagement und Biotechnologien, verbreitet und der internationale Handel mit Lebensmitteln gefördert werden. In vielen Regionen müsse man stärker in die Infrastruktur investieren und die Lagermöglichkeiten von Lebensmittel ausbauen. Des Weiteren wäre es wichtig, Frühwarnsysteme für Extremwetterereignisse sowie das Risikomanagement durch digitale Datenermittlung und Indexversicherungen zu verbessern. Müller empfahl den Regierungen Rahmenbedingungen und Anreize für die Landwirtinnen und Landwirte zu schaffen, um klimafreundlich und nachhaltig zu produzieren.

Vizeminister Taras Kachka, Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Landwirtschaft der Ukraine, erklärte, die COVID19-Pandemie und der Klimawandel habe die Ukraine im letzten Jahr vor einige Herausforderungen gestellt. Langanhaltende Dürreperioden im Süden des Landes führten zu niedrigen Ernteerträgen und setzten damit die Lebensmittelpreise und das Exportsystem unter großen Druck. Dennoch verfolge die Ukraine auch weiterhin das Ziel, im nächsten Jahrzehnt ihre Exporte zu verdoppeln. Hierfür seien die Europäische Union (EU), wo bereits jetzt 70 Prozent der Exporte hingehen, und China die beiden größten Partner der Ukraine. Um das Exportziel zu erreichen, werden Strategien zur Bodenbewässerung, zu Logistiksystemen und zum Einsatz von Betriebsmitteln nach EU-Vorgaben, wie Düngemitteln und Pestiziden, entwickelt. Zudem solle in der Ukraine die Biolandwirtschaft ausgebaut und die strategischen Partnerschaften mit der EU in den Bereichen Wissens- und Technologietransfer intensiviert werden. Vizeminister Kachka unterstrich, dass die gesicherte Versorgung der ukrainischen Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln und die Stabilisierung der Lebensmittelpreise im Mittelpunkt stehen.

Dr. Thomas Kirchberg, Vorstandmitglied der Südzucker AG, verwies auf die bereits heute übliche Praxis in der Zuckerindustrie, neben dem Endprodukt Zucker auch alle weiteren Pflanzenbestandteile der Zuckerrübe, wie Wasser, Ballaststoffe, Proteine und Eiweiße, zu verwerten. Innerhalb der Wertschöpfungskette erfolge zudem ein sehr intensiver Austausch mit den Landwirtinnen und Landwirten sowie der Wissenschaft. Im Fokus stehe dabei die effiziente, nachhaltige und umweltfreundliche Produktion durch den Einsatz widerstandfähiger Pflanzensorten, der Verwendung von Wetter- und Bodenanalysen, die Entwicklung eines geeigneten Wasser- und Schädlingsmanagements sowie der Nutzung alternativer Energiekonzepte auf den landwirtschaftlichen Betrieben. Kirchberg fügte hinzu, dass das Unternehmen Südzucker gemeinsam mit Bauernverbänden und der Zuckerrübenforschung zu all diesen Schwerpunkten kontinuierlich Konzepte für die praktische Umsetzung in den Betrieben erarbeite.

Als Vertreter von The Nature Conservancy, einer der größten Umweltschutzorganisationen weltweit, sprach Michael Wironen, TNC Center for Sustainability Science, über die Bedeutung widerstandsfähiger Böden innerhalb eines regenerativen Ernährungssystems. So nehme eine verbesserte Bodenqualität einen entscheidenden Einfluss auf die landwirtschaftliche Produktionsleistung und eine nährstoffreiche Versorgung in der menschlichen Ernährung ein. Kooperationsprojekte zur Bodenverbesserung gäbe es insbesondere in den Ländern, die als sogenannten „Brotkörbe der Welt“ bezeichnet werden. Beispielsweise konnten gezielte politische Maßnahmen der zunehmenden Bodendegradation auf den Hochebenen Chinas entgegenwirken und die langfristige Lebensmittelproduktion stärken. In Indien sei es vor allem die Puncharegion im Nordwesten des Landes, wo die Bodenfruchtbarkeit der Reis- und Weizenfelder durch eine mangelnde Grundwasserversorgung und Pflanzenrückstände beeinträchtigt werde. Abschließend ergänzte Wironen, dass man die Herausforderungen in Hinsicht der Ernährungssicherung, Klimaresilienz und öffentlichen Gesundheit nur unter Betrachtung eines ganzheitlichen Systems und mit dem Einsatz innovativer Technologien bewältigen könne.

https://idw-online.de/de/news762587